Demenz-Ratgeber: Den Alltag gemeinsam meistern
Steht zu Beginn der Erkrankung die Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild und seinen Folgen im Mittelpunkt, so gewinnen im Verlauf ganz alltagspraktische Probleme der Pflege und Betreuung die Oberhand – für den Patienten und seine Umgebung.
Es gibt zahlreiche Ratgeber, Anlauf- und Informationsstellen für Angehörige sowie Gedächtnisambulanzen und Selbsthilfegruppen, in denen Hilfe angeboten wird.
Im Überblick
Demenz vorbeugen
An der Demenzentwicklung sind verschiedene Faktoren ursächlich beteiligt, die bei den einzelnen Demenzformen eine unterschiedliche Rolle spielen. Während die Hauptrisikofaktoren für die Alzheimer-Demenz – Alter und genetische Veranlagung – nicht verändert werden können, spielen bei der vaskulären Demenz andere, gut beeinflussbare Risikofaktoren eine große Rolle. Deshalb sind die Präventionsmöglichkeiten bei einer vaskuären Demenz ungleich besser als bei einer Demenz vom Alzheimer-Typ.
Einer vaskulären Demenz und ganz allgemein einer
Arteriosklerose kann man vorbeugen durch eine ausgewogene
Ernährung, ausreichende körperliche Bewegung und den Verzicht auf das Rauchen. Außerdem gilt es, einen
Bluthochdruck zu verhindern oder ihn effektiv zu behandeln und das Blutfett
Cholesterin im Normbereich zu halten oder medikamentös zu senken. Auch wenn Medikamente und ein gesunder Lebensstil grundsätzlich auch als Schutz vor der Alzheimer-Krankheit gelten, gibt es gegen diese Demenzform bisher kaum Präventionsmöglichkeiten. Denn bei der Alzheimer-Demenz kommt es zu einer krankhaften Veränderung des Hirngewebes, die bisher nicht beeinflussbar ist.
Man weiß allerdings, dass ein hohes Bildungsniveau einen gewissen Schutzfaktor darstellt. Vermutlich verbessert eine lange und intensive Schulbildung und ein aktives Berufsleben die Möglichkeiten des Gehirns, den Ausfällen einer bereits vorhandenen Alzheimer-Krankheit längere Zeit entgegenzuwirken. Aber auch bis ins hohe Alter sind geistige Aktivitäten nützlich, da sie das Selbstwertgefühl stärken und wahrscheinlich auch wichtige Reserven schaffen, wenn tatsächlich einmal ein geistiger Leistungsabbau einsetzt. Es kommt nicht darauf an, das Gedächtnis durch Übungen gezielt zu trainieren. Auch andere geistige Aktivitäten wie der Besuch kultureller Veranstaltungen, Reisen, das Erlernen von Fremdsprachen oder soziales Engagement tragen zur Aktivierung von Leistungsreserven bei.
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Bei dauerhaften Gedächtnis-Problemen den Arzt aufsuchen
Wenn Sie aufgrund von Gedächtnisproblemen eine anhaltende Überforderung verspüren, Sie Ihren Alltag (oder auch Beruf) nicht mehr wie gewohnt bewältigen können oder sich Ihre Persönlichkeit anhaltend verändert, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Diese Probleme müssen aber nicht zwangsläufig auf einen Hirnabbauprozess hindeuten. Starke berufliche Belastungen oder auch besondere Lebensereignisse können immer auch zu derartigen Störungen führen. Und auch
Schlafstörungen beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit des Gehirns, da das Gehirn die nächtliche Ruhe zur Regeneration und zur Erholung benötigt.
Vereinfacht lässt sich sagen: Wenn Sie bei sich dauerhafte Veränderungen bemerken, die Sie beunruhigen, ist in jedem Fall ein Gespräch mit dem Hausarzt sinnvoll. Sofern Sie regelmäßig bei Ihrem Hausarzt in Behandlung sind, wird er einschätzen können, ob eine weitergehende Untersuchung bei einem Facharzt erforderlich ist.
Auf jeden Fall sollten Sie umgehend einen Arzt aufsuchen, wenn sich plötzlich starke Veränderung im Denken oder in der Konzentrationsfähigkeit bemerkbar machen und diese vielleicht auch noch von Störungen der Beweglichkeit, der Sprache oder des Sehens begleitet werden. In diesen Fällen könnte auch ein
Schlaganfall für die Beschwerden verantwortlich sein.
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Demenz: Die Angehörigen sind gefragt
Viele Demenzkranke werden zu Hause von Angehörigen betreut. Dies ist für die Betroffenen sehr hilfreich, weil sie so noch lange in ihrer vertrauten Umgebung leben können. Sie erleichtert ihnen die Orientierung und Selbstständigkeit und ist auch für das Wohlbefinden sehr wichtig.
Dennoch kann die Erkrankung die pflegenden Angehörigen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn der Erkrankte intensive Unterstützung bei der Körperpflege benötigt, sein Verhalten schwierig ist, der Tag-Nacht-Rhythmus gestört oder eine dauerhafte Beaufsichtigung erforderlich ist. Auch wenn der Demenzkranke sich selbst oder andere gefährdet, wird die Situation für die Familie oft zermürbend.
Vor allem das unkontrollierte Verhalten im fortgeschrittenen Stadium macht den Angehörigen zu schaffen: Die Selbstständigkeit nimmt immer mehr ab, Vereinbarungen sind kaum noch möglich, Hilfen werden nicht angenommen, Ratschläge nicht beachtet. Gespräche scheinen sinnlos zu werden. Vorwurfsvolles und aggressives Verhalten wechseln mit Antriebslosigkeit und völliger Passivität. Das Essen und Trinken und die Kontrolle der Körperfunktionen gehen verloren. Spätestens dann ist es für Angehörige unerlässlich, sich helfen zu lassen.
Hilfreich ist das Hinzuziehen professioneller Pflege durch
ambulante Pflegedienste, die Inanspruchnahme einer regelmäßigen Beratung über den Umgang mit der Erkrankung, aber auch der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen. Es gibt auch die Möglichkeit, den Betroffenen zeitweilig tagsüber eine
Tagespflegestätte besuchen zu lassen. Oft ist es ab einem bestimmten
Stadium der Demenz nicht vermeidbar, den Erkrankten dauerhaft in einem
Pflegeheim versorgen zu lassen.
Es ist für die Angehörigen wichtig, die eigene Gesundheit im Blick zu behalten. Denn es nützt dem Demenzkranken wenig, wenn (entfernt)Angehörige durch die aufreibende Pflege so krank werden, dass sie sich plötzlich überhaupt nicht mehr um den Betroffenen kümmern können. Der Demenzkranke würde in einer solchen Situation enorme Verlustängste erleiden.
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Das hilft Patienten mit Demenz
Ein wichtiges Merkmal der Hilfsbedürftigkeit bei Demenz ist, dass sich das Störungsbild und damit auch die Erfordernisse ständig ändern. Der wichtigste Grundsatz bei der Pflege ist:
Fordern statt überfordern! Dies ist möglich, wenn Sie:
- die Lebenssituation an die eingetretenen Defizite anpassen
- vorhandene Fähigkeiten des Betroffenen aktivieren
- auf das Wohlbefinden des Erkrankten achten, dies erleichtert die Betreuung
- sich als der Gesunde auf die neue Situation einstellen, der Betroffene kann dies nicht mehr. Verbesserungen der Situation können nur vom gesunden Betreuenden ausgehen
- über eigene Verhaltensweisen und Vorstellungen nachdenken. Lassen sich diese an die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Betroffenen anpassen?
Auch
Gefährdungen müssen beachtet werden:
- Bislang ungefährliche Dinge wie Putzmittel, Messer, Herd oder Streichhölzer können jetzt zur Gefahr werden.
- Orientierungshilfen wie Nachtlicht und feste Plätze für bestimmte Dinge sind wichtig.
- Hilfsmittel wie Handgriffe in der Badewanne können Stürze vermeiden helfen.
Außerdem:
- Ein fester und strukturierter Tagesablauf gibt Halt, angemessene Beschäftigungen geben Bestätigung.
- Die Selbstständigkeit sollte gefördert und Erfolge sollten belohnt werden.
- Reizüberflutung – wie große Gesellschaften oder stundenlanges Fernsehen – vermeiden, da vom kranken Gehirn nicht viele Reize gleichzeitig verarbeitet werden können.
- Eine schöne Umgebung und Atmosphäre werden vom Betroffenen auch in späten Krankheitsstadien als angenehm empfunden.
- Grundsätzlich sind die Kommunikation mit dem Betroffenen und die freundliche, zugewandte Ansprache wichtig.
Bei allen Bemühungen um eine gute Betreuung dürfen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse nicht unterschätzen. Lassen Sie sich von
Pflegediensten helfen, sprechen Sie über die Belastung in einer
Selbsthilfegruppe oder nutzen Sie die Möglichkeit der
Kurzzeitpflege für einen Urlaub. Wenn Sie gesund und zufrieden sind, können Sie Ihrem Angehörigen besser helfen.
Ruhe und Rituale sind wichtig
Menschen mit fortgeschrittener Demenz leben in ihrer eigenen Welt und kommunizieren kaum noch. Für ihre Angehörigen ist dies oft schwer erträglich. Doch beispielsweise das Weihnachtsfest bietet eine Möglichkeit, die Mauer zum geliebten Familienmitglied zu durchbrechen. „Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, Demenzkranke auf der Gefühlsebene anzusprechen“, sagt Rosemarie Drenhaus-Wagner, Vorsitzende der Alzheimer Angehörigen-Initiative (AAI) in Berlin. Rituale wie das Singen von Weihnachtsliedern und der Gottesdienstbesuch verleihen dem Demenzkranken Sicherheit und Geborgenheit: Sie erinnern ihn an die Vergangenheit, der er sich aufgrund seiner Krankheit mehr verbunden fühlt als der Gegenwart.
Vorsicht vor Reizüberflutung
Drenhaus-Wagner rät allerdings von einem rauschenden Fest mit großer Gesellschaft und Geschenke-Schlachten ab. Demenzkranken fehlt aufgrund hirnorganischer Veränderungen ein Abschirmmechanismus, sodass akustische und visuelle Reize sie ungefiltert erreichen. Hinzu kommt: Sie können die Reize nicht mehr richtig zuordnen. Gerade zu Silvester ist deshalb Vorsicht geboten, da laute Knallerei Demenzkranke leicht in Angst und Panik versetzt. „Mir haben Angehörige erzählt, dass ihre Mutter Silvester plötzlich mit dem Koffer im Wohnzimmer stand und in den Keller wollte, weil sie die Knallerei für einen Bombenangriff gehalten hat“, sagt Drenhaus-Wagner.
Zu berücksichtigen ist jedoch: Jede Demenz äußert sich unterschiedlich. Es ist gut möglich, dass der eine oder andere Demenzkranke ein Feuerwerk oder Böller-Knallen durchaus genießt. Dr. Elisabeth Stechl, Neuropsychologin am Evangelischen Geriatriezentrum Berlin (EGZB), rät, einen Blick auf die Biografie und die individuellen Neigungen des Betroffenen zu werfen. „Wer sein Leben lang gern Böller und Feuerwerke gezündet hat, dem wird das Spektakel zum Jahreswechsel auch gefallen, wenn er demenzkrank ist.“ Es ist sogar möglich, dass ein Demenzkranker Silvester Weihnachten vorzieht. Denn es hat bereits in früheren Jahrzehnten Frauen und Männer gegeben, die das Weihnachtsfest als zu sentimental empfunden haben.
Nicht jeder Betagte liebt die alten Zeiten
Die seit einigen Jahren in der Altenpflege übliche Biografiearbeit darf allerdings nicht zu Kurzschlüssen verleiten: Nur weil ein alter Herr in einer Wohnung mit Kohleofen und Gelsenkirchener Barock aufgewachsen ist, bedeutet dies nicht, dass er diese Dinge gutheißt. Ganz im Gegenteil: Es kann sogar sein, dass er sie verabscheut, da er sie mit Entbehrung, Prüderie oder unglücklichen Familienverhältnissen verbindet.
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Wo Angehörige Unterstützung finden
Jeder Angehörige eines Demenzkranken sollte frühzeitig Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen. Inzwischen gibt es in allen Regionen hilfreiche Angebote. Selbsthilfegruppen, wie sie etwa von den regionalen Alzheimer-Gesellschaften und der Alzheimer Angehörigen-Initiative (AAI) angeboten werden, zielen auf gegenseitige gefühlsmäßige Unterstützung und einen Informations- und Erfahrungsaustausch ab.
Bei der Beratung durch psychologisch geschulte Fachkräfte werden beispielsweise Kenntnisse zum Krankheitsbild sowie spezielle Pflegetechniken vermittelt. Darüber hinaus wird den Pflegenden ein Überblick über rechtliche und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten und bestehende Versorgungseinrichtungen (ambulante Dienste, Heime) gegeben. Über die verschiedenen Möglichkeiten der Beratung in Wohnortnähe informieren ebenfalls die regionalen Alzheimer-Gesellschaften sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft Alten- und Angehörigenberatungsstellen (BAGA). Auskunft können auch die Wohlfahrtsverbände, Gesundheitsämter, Ämter für soziale Dienste und die Diakonien geben.
Erholungsangebote sollen die Angehörigen zeitlich bzw. aufgabenspezifisch entlasten. Dazu gehört die befristete stationäre Betreuung, sprich die
Kurzzeitpflege, die nächtliche Betreuung von Patienten, die unter Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus leiden, sowie die fördernde und aktivierende Betreuung in einer
Tagespflegeeinrichtung.
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