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descriptionGrafik: Gehirn
Demenz und Alzheimer minimieren die Geisteskraft bis zur Hilflosigkeit. Experten rechnen in naher Zukunft in jeder dritten Familie mit einem Betroffenen.
descriptionSchlüssel
„Nur“ gestresst, vergesslich, etwas depressiv oder bereits dement? Die Anzeichen einer Demenz sind unspezifisch. Spezielle Tests erleichtern die Diagnosestellung.
descriptionÄltere Hände mit Tablettendose
So lange wie möglich selbstständig bleiben ist Ziel der Behandlung. Stoppen oder sogar rückgängig machen kann man eine Demenz nämlich nicht.
descriptionSenioren mit Rollator
Gangsicherheit verbessern, Selbstvertrauen stärken – beides gelingt mit dem neuen Therapiekonzept „FRANZ“ für Demenzkranke mit Oberschenkelhalsbruch.
descriptionHand halten
Demenz ist für Betroffene und Angehörige gleichermaßen schwierig. Wie geht man mit der Krankheit um? Wo finden Angehörige Hilfe und Unterstützung?
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Demenz-Forschung: „FRANZ“ macht mobil

Patienten mit einer Demenz stürzen häufiger als nicht demenzkranke ältere Menschen. Einer Studie zufolge haben sie ein fast dreimal so hohes Risiko für Frakturen wie Schenkelhalsbrüche. Mögliche Ursachen sind wahrscheinlich eine demenzbedingte Aufmerksamkeitsstörung, eine Fehleinschätzung von Gefahren und ein verändertes, kleinschrittiges Gangbild.

Im Überblick



Patienten mit einer Demenz stürzen öfter und brechen sich dabei häufiger den Oberschenkelhalsknochen. Nach einer Operation sind sie aufgrund ihrer Demenzerkrankung außerdem gehandicapt, wenn es darum geht, sich wieder selbstständig zu bewegen und das Laufen zu trainieren. Aus diesem Grund können Demenzpatienten nach einer Schenkelhalsfraktur seltener in ihre eigene Wohnung zurückkehren und müssen öfter in ein Pflegeheim umziehen.

Diesen Zustand wollten die Mitarbeiter des Evangelischen Geriatriezentrums (EGZB) in Berlin verändern. Der EGZB-Neuropsychologe Dr. Gernot Lämmler schildert die Problematik so: „Demente Patienten mit einer Schenkelhalsfraktur profitieren weniger von einer konventionellen Rehabilitation. Sie vergessen das in der Physiotherapie Geübte immer wieder und reagieren auf die unvertraute und oft angstauslösende Krankenhausumgebung, in der sie auf die üblichen Bezugspersonen weitestgehend verzichten müssen, mit Begleitsymptomen wie Depression, Angst oder Aggressivität. Dabei ist Lernen bei Demenz nur in einer Atmosphäre möglich, die Sicherheit gibt und Selbstvertrauen fördert. Dies erklärt, warum die konventionelle Therapie bei Patienten mit Schenkelhalsfraktur und gleichzeitiger Demenz nicht die gewünschten Effekte hat und die Patienten bei Entlassung häufiger immobil sind und ins Pflegeheim gehen müssen als nichtdemente Patienten mit Schenkelhalsfraktur.“
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Lernen, ohne gleich zu vergessen

Das neue Therapiekonzept FRANZ (Fraktur und Demenz: Rehabilitation von demenzkranken Patienten mit Schenkelhalsfraktur) zeigt, dass es auch anders geht. Demenzkranke Frakturpatienten bekommen in der Berliner Klinik eine ganz auf ihre besonderen Bedürfnisse abgestimmte Behandlung.

Das Projekt wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert und von der „Forschungsgruppe Geriatrie“ am Evangelischen Geriatriezentrum Berlin (EGZB) auf seine Praxistauglichkeit überprüft. Zusätzlich zur üblichen Physio- und Ergotherapie führt eine speziell geschulte Altenpflegerin eine Stunde (40 Minuten morgens, 20 Minuten am Nachmittag) eine spezielle Bewegungstherapie durch. Die Bewegungsübungen greifen gezielt einzelne Behandlungsaspekte auf und intensivieren sie. „In den Bewegungsübungen geht es zum Beispiel um die Kräftigung der Muskulatur, Angstreduktion, den Transfer aus dem Liegen ins Sitzen an der Bettkante, eine Verbesserung des Gleichgewichts und den sicheren Gebrauch von Hilfsmitteln wie dem Rollator“, erzählt Dr. Lämmler.

Die Pausen zwischen einzelnen Übungen nutzt die Therapeutin gezielt für Gespräche - sie informiert sich vorab bei Angehörigen über die Biografie des Patienten. Die Patienten üben so in einer Atmosphäre, die keine Angst hervorruft, und bauen zur Altenpflegerin eine Beziehung auf. Die Regelmäßigkeit ihrer Besuche vermittelt Sicherheit. Insgesamt wird das Selbstvertrauen gestärkt. „Stimmen die Umgebungsfaktoren, ist auch bei Demenz Lernen möglich, sodass gute Chancen gegeben sind, die Mobilität der Betroffenen und damit auch ihre Selbstständigkeit im alltäglichen Leben zu verbessern“, betont der Berliner Psychologe.
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„Die Vergangenheit als sicherer Hafen“

Der zweite Baustein der Zusatztherapie ist die Erinnerungspflege. Sie stimuliert das Altgedächtnis, das bei Demenzpatienten oft noch gut funktioniert. „Es geht also nicht darum, verlorene Erinnerungen wieder wach werden zu lassen, sondern die noch verbliebenen Gedächtnisinhalte bewusst zu fördern. Denn was häufig benutzt wird, bleibt im weiteren Krankheitsverlauf länger erhalten“, erklärt Dr. Gernot Lämmler vom EGZB in Berlin. Eine Konfrontation mit Defiziten wird bewusst vermieden.

Ziel der Erinnerungspflege ist es, Selbstvertrauen, Wohlbefinden und Lebensfreude zu fördern. Diese umfassende Behandlung dient dazu, die Alltagskompetenz der Patienten zu verbessern. „Die Patienten machen die Erinnerungstherapie gern. Sie erleben sich als kompetent. Gleichzeitig erleben sie beim gemeinsamen Erinnern in der Gruppe den Austausch untereinander, der auch einer Isolation entgegenwirkt“, so Dr. Lämmler.

Die Erinnerungsgruppe findet viermal in der Woche statt, dauert eine Stunde und ist im Therapieplan als „Kaffeerunde“ zu finden. Damit sind positive Assoziationen verbunden und Kaffee und Kuchen gibt es selbstverständlich auch. „Wichtig ist die angemessene Atmosphäre – schönes Kaffeegeschirr, Servietten und auch Namensschilder, damit sich alle leichter ansprechen können“, so der Psychologe. In jeder Stunde wird über ein anderes Thema gesprochen - zum Beispiel über Haustiere, Erinnerungen an den ersten Schultag etc. Zur Biografie der einzelnen Patienten ergeben sich immer Berührungspunkte.

Meist wird über Themen aus der Kindheit gesprochen, weil das Altgedächtnis am besten erhalten ist. „Zentrale Bedeutung für die Stimulierung von Altgedächtniswissen haben sogenannte ,Trigger‘. Das sind Reize, die Erinnerungen über verschiedene Sinneskanäle auslösen. Dazu gehören Sprichwörter, Geräusche, Gerüche, Bewegungen, Fotos oder Gegenstände, zum Beispiel ein Hundehalsband beim Thema Haustier. So entsteht ein zwangloses Gespräch zwischen den Patienten. Menschen, die zuvor völlig in sich gekehrt waren, beteiligen sich plötzlich lebhaft am Gespräch“, sagt Gernot Lämmler.
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Was die Therapie leisten kann

Die am Projekt teilnehmenden 114 Patienten waren in zwei Gruppen eingeteilt: in die Treatment-, also die Behandlungsgruppe, und in die Kontrollgruppe. Die Patienten waren im Durchschnitt 82 Jahre alt und hatten überwiegend eine mittelschwere Demenz. Mithilfe spezieller Testverfahren konnten die Wissenschaftler abschließend beurteilen, ob die zusätzliche Therapie den Patienten geholfen, sie im Vergleich zur Kontrollgruppe mobiler gemacht hatte.

Am Ende konnten die Forscher gleich zwei Erfolge verbuchen: Die mit FRANZ, dem neuen Therapiekonzept behandelten Patienten, waren nicht nur mobiler, es hatten sich gleichzeitig auch andere Demenzsymptome wie etwa Aggressivität, Unruhe oder gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus gebessert. Profitiert haben vor allem Patienten mit einer mittelschweren Demenz.

Aufgrund der positiven Ergebnisse von FRANZ wird das Evangelische Geriatriezentrum das neue Therapiekonzept in die Versorgung aller dafür infrage kommenden Klinikpatienten übernehmen. „Wichtig ist, dass auch nach der Entlassung aus der Rehabilitationsklinik die Patienten noch weiter durch regelmäßige Mobilisierung gefördert werden. Aus Studien ist nämlich bekannt, dass Patienten selbst sechs Monate nach einer Fraktur ihre Mobilität verbessern konnten und ihre Aktivitäten im Alltag vielfältiger wurden“, so Psychologe Lämmler vom EGZB.
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Röntgenbild eines Hüftgelenk-Implantats
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Ein gebrochener Schenkelhals wird oft mit Hüftschrauben behandelt. Danach ist selbstständiges Training angesagt – für Demenzkranke oft eine unüberwindliche Schranke. Sie bleiben deshalb nach einem Schenkelhalsbruch immobil und bettlägerig.
Physiotherapie
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Neben Physio- und Ergotherapie bekommen Demenzpatienten in der Rehabilitation zusätzlich eine Bewegungstherapie in persönlicher Atmosphäre.
Schaukel im Garten
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Demenzkranke können sich oft an ihre Kindheit am besten erinnern. Solche Themen erleichtern den Einstieg in eine Gesprächstherapie.
Rollator
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Regelmäßige Mobilisierung ist auch nach der Entlassung aus der Rehabilitationsklinik wichtig – zum Beispiel am Rollator.